Einweihung ins Leben

Tai Chi Chuan mit jugendlichen Straffälligen

"Was bedeutet eigentlich dieses Zeichen, das Sie da an den Schrank geklebt haben, fragt aimund, der seit 4 Wochen an dem Tai Chi Kurs für junge Strafgefangene in der JVA Rockenberg teilnimmt, "das ist doch ein Friedenszeichen, oder?" "Stimmt, das kann man so sagen. Es symbolisiert, daß zwei, die so verschieden sind, daß sie schnell miteinander Streit kriegen, sich auch harmonisch miteinander bewegen können. Es ist das Symbol für den Übungsweg des Tai Chi, für alles das, was wir hier ausprobieren: Wir üben, uns geschickt miteinander zu bewegen, wir üben, uns in Konfliktsituationen abzuregen statt aufzuregen, uns gut zu fühlen im Nachgeben, bei Druck entspannt und im Gegenhalten freundlich zu bleiben, usw. Der Begriff Tai Chi steht für die höchste Kunst, nämlich die Kunst, Frieden in der Welt der Gegensätze zu verwirklichen, in einer Welt, wo es viel zu lernen gibt, weil alles zwei Seiten hat. Und Tai Chi Chuan ist die Bewegungskunst, die eben das in handfester Weise lehrt."

Solche philosophischen Ausflüge gibt es oft im täglichen Training mit den jugendlichen Strafgefangenen. Sie stecken voller Fragen und Suche nach Orientierung. Das Miteinander-Üben schafft gemeinsame Begrifflichkeiten und Philosophien. Die gemeinsame Erfahrung bildet die Basis für wirkliche Verständigung auch bei heiklen, tiefergehenden Themen und Krisensituationen.
Etwa wenn es um Straftaten und den Sinn der eigenen Inhaftierung geht. In dieser Situation, mit der psychischen Belastung meist unaufgearbeiteter, teilweise schwerster Straftaten und überhaupt in der Welt des Gefängnisses, ist es leicht gesagt, man solle zur Welt der Gegensätzlichkeiten Ja sagen.
Davor liegt tägliche Kleinarbeit, mit viel Auseinandersetzung, Zuwendung und Grenzensetzen, und mit allem, was das Tai Chi Chuan zu bieten hat. Und das ist in der Tat viel. Es erweist sich hier tatsächlich als "ganzheitliche Bewegungskunst", die den "ganzen" Menschen bewegt:

Tai Chi Chuan im Jugendstrafvollzug, diese Mischung ist nicht mehr ganz so ungewöhnlich, wie vor 8 Jahren, als die Arbeit in Rockenberg begann. Das Rockenberger Beispiel hat inzwischen Nachahmung in anderen Strafanstalten in Bayern und Rheinland-Pfalz gefunden und es gibt immer mehr Strafvollzugsbedienstete, die ihre eigenen Erfahrungen mit dieser vielseitigen Bewegungskunst in die Resozialisierungsarbeit einfließen lassen.
In der JVA Rockenberg ist das Tai Chi Chuan, wie man vielleicht annehmen möchte, keine herausgehobene Sondermaßnahme oder gar Aushängeschild, sondern ein integrierter Bestandteil im Ausbildungs- und Wohngruppenkonzept der Anstalt.
Die auf die konkrete Lebenswelt und Alltagsbewältigung zielende Erziehungsarbeit in der Anstalt bindet alle Beteiligten, vom Aufsichtsbediensteten über Lehrer, Werkmeister, Sozialarbeiter bis zu Psychologen und Therapeuten gleichermaßen in die Begleitung der Jugendlichen ein. Hier wird gerade auch das tägliche "Klein-Klein" zum wertvollen Material im Ringen um Achtsamkeit, menschlichen Respekt, um Verantwortungsübernahme für das soziale Miteinander und die eigene Ausbildung. Und hier findet auch die körperlich-direkte Schulung des Tai Chi Chuan ihren Platz.

Das Tai Chi -Unterrichtsprogramm beinhaltet freiwillige Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse, Einzelstunden bei Krisenfällen, sowie, als Kernstück, 3-monatige Intensivgruppen, mit täglich 4 Stunden Unterricht, in der Regel für Jugendliche mit einer aufgeprägten Gewaltproblematik.
Meist durchlaufen Gefangene während ihrer Haftzeit eine Kombination der verschiedenen Maßnahmen.
Die Intensivgruppen sind Teil der so genannten schulischen, handwerklichen und bewegungstherapeutischen Basisangebote. Diese dienen der Vermittlung grundlegender Orientierungen in der Lebens- und Arbeitswelt und der Vorbereitung auf weiterführende Ausbildungen in einer der Schulklassen oder handwerklichen Ausbildungsbetriebe.

 Methoden und Lernziele

Was den Rockenberger Jugendlichen unter dem Arbeitstitel "Tai Chi Bewußtheit durch Bewegung" angeboten wird, ist eine Verhaltenschulung auf körperlicher Ebene. Am Anfang stehen Entspannung und die sogenannte Tai Chi-Soloform - langsame, geführte Bewegungen, die Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und ein Gefühl von innerer Ordnung und Struktur vermitteln.
In der nachfolgenden Anwendung der hier gelernten Qualitäten in Partner- und Gruppenübungen ist das Tai Chi Chuan gleichzeitig ein körperlich direktes Verhaltenskorrektiv und eine Schulung in Gewaltlosigkeit.
Im Rahmen des alltagsorientierten Lernens in der Strafanstalt und im Intensivkurs erscheinen die Lernziele des Tai Chi Chuan als Prinzipien, die uns im täglichen Leben ständig begegnen. Ihre Bedeutung im Zusammenhang von Persönlichkeitsschulung und sozialem Training läßt sich unter folgenden Kategorien zusammenfassen:

- Achtsamkeit
für den eigenen Körper, für sich als Person, für ein Gegenüber, für die Umwelt,

- Entspanntheit
im Umgang mit sich und anderen; auf entspannte Weise standhalten und nachgeben können, die Dynamik von Konflikten verstehen.

- Verwurzelung; sicherer Stand;
das Gewicht sinken lassen, abregen statt aufregen; auf eigenen Füßen stehen; Selbstständigkeitstraining gegen negative soziale Beeinflussung.

- (Kon-)Zentrierung,
in der Mitte sammeln, aus der Mitte handeln, körperliches Ausprobieren von Balance (Gleichgewicht) und innerer Ausgewogenheit (Sicherheit).

- Einssein, Zusammenspiel von Körper und Geist, Bewußtwerdung von Unbeweglichkeiten, Haltungsstrukturen und Verhaltensmustern

Mit fortschreitender Praxis entfalten sich diese Tai Chi-Grundprinzipien, wissenschaftlich ausgedrückt, als "Prinzipien effektiver Interaktion" bzw. "erfolgreicher Kommunikation". Dies geschieht in den, ursprünglich aus dem Kampfkunstaspekt des Tai Chi Chuan stammenden, Partnerübungen.
"Innere Kampfkunst" wird als Kunst, angemessen, geschickt und achtsam miteinander umzugehen, eingebracht. Gerade bei diesen Jugendlichen ist "Kampfkunst" aktuell, doch verliert das Thema hierbei seine oft automatische Koppelung an Feindseligkeitsdenken und Destruktivität und wird stattdessen zu einem kreativen Übungsfeld.
Hier erweisen sich die Lehren der Tai Chi-Bewegungskunst als Wegweiser zu Frieden in allen Lebenslagen. Ganz gleich ob es - wie im Falle von Gewalttätern - um offensichtliches Zuschlagen oder um subtilere Formen von Zwang und Streß gegen andere oder sich selbst geht.

 Tai Chi Chuan ist immer auch Entspannungskunst, ob es nun aus gesundheitlichen Gründen, als Streßausgleich oder als spielerischer Wettkampf in Tai Chi-Partnerübungen ausgeführt wird. Dieser Wettkampf beruht auf inneren Fähigkeiten, und letztlich auf der Fähigkeit des Nicht-Kämpfens, oder wie die Chinesen sagen auf "Wu Wei", dem absichtslosen Tun. Es gibt eine Fülle von tiefgehenden und zugleich Spaß machenden Übungen und Partnerspielen, die ein umfassendes Achtsamkeits- und Interaktionstraining darstellen, ohne daß dabei eigentliche Kampfkunsttechniken ins Spiel kommen müssen.
Wir dringen somit zu den Ursachen der heute viel beklagten Gewaltbereitschaft Jugendlicher vor. Der verzweifelten Suche nach Kontakt, nach Selbsterleben, Selbstbehauptung und Selbstwert kann man begegnen, ohne besonders martialische Techniken vermitteln zu müssen. Mit gestärktem Selbstbewußtsein können sich die Einzelnen schließlich auch dem Anpassungsdruck jener "Kultur der Härte" entziehen, wie sie für manche "Jugendszenen" und besonders für die Gefängnissubkultur kennzeichnend ist.

 Gelungene Interaktion

Einige der in den Tai Chi-Partnerübungen zu erforschenden 'Prinzipien und Kräfte effektiver Interaktion' sind:
Etwas anzubieten, zuzugreifen, ranzugehen; eine Bewegung aufzunehmen, zu empfangen, zu bejahen, ihr zu folgen, mit ihr eins zu werden; eine Kraft zu neutralisieren (statt zu blockieren), sie zu führen, und zu benutzen; nachzugeben und standzuhalten, leerzuwerden und da zu sein. Haben die Jugendlichen diese Prinzipien erforscht, können sie das Tai Chi-Partnerspiel, das sogenannte " Pushing Hands " (Schiebende Hände) ausführen, was ihnen besonders viel Spaß macht.
In diesem Spiel geht es darum, wer den anderen zuerst vom Fleck bewegen kann, indem er gefühlvoll, wendig und standfest mit Druck und Widerstand umgeht. Die Erfahrung - gerade in diesen Wettkampfspielen - daß Entspanntheit, Weichheit und Nachgiebigkeit und die dafür notwendige Körperbewußtheit und Achtsamkeit besser funktionieren als Härte und Muskelkraft, macht die Jugendlichen offen für differenzierte Selbstkonzepte und für eine den ganzen Menschen erfassende Persönlichkeitsbildung.
Der Fluß der Tai Chi-Interaktion, der beständige Wandel zwischen Weichheit und Festigkeit, Offensive und Nachgeben, Rasanz und Ruhe, ist ein ständiges Experimentieren mit Aggression. Wir erkunden dabei auch angemessene, angstlose Aggression - besonders auch mit denen, die gegenwärtig auf der Opferseite von Gewaltbeziehungen stehen. Wir üben Durchsetzungskraft, Stehen und Werfen als Funktionen gelungener Interaktion. Im Üben des "Entwurzelns" lernen die Jugendlichen, etwas oder jemanden ohne Gewalt zu bewegen.
In der gelungenen Interaktion, ob in ruhigen oder jugendlich fetzigen Bahnen, löst sich Aggressivität, der Überschuß an nicht gelebter, verhinderter Aggression von selbst auf. Das Ziel ist, dem Einzelnen zu helfen, eine neue Mitte zu finden, in der er weder ohnmächtiges Opfer noch übermächtiger Täter sein muß.
Als Höhepunkt der Partnerformen wird das besonders feine und kreative und zugleich rasante "freie dynamische Pushing Hands" praktiziert, ein von dem amerikanischen Tai Chi-Meister Peter Ralston entwickeltes Partnerspiel mit Elementen aus Tai Chi Chuan und Aikido. Katzenartig, fast tänzerisch, bewegen wir uns miteinander durch den Raum. Wie Wasser. Immer gebe ich nach, biete keinen harten Punkt und baue dabei Strömungen, Mäander, Strudel, Sog und Wellen auf, um jede Härte, Unaufmerksamkeit und Unbeweglichkeit des Anderen direkt in sein Entwurzeln münden zu lassen. Ausweichen und Rangehen sind hier eins, Yin und Yang in ständiger zyklischer Bewegung.

In diesem vielseitigen Tai Chi-Übungsprozess lernen die Jugendlichen ihre beweglichen und unbeweglichen Seiten kennen und sich mit verschiedenen Seiten ihrer Persönlichkeit auseinanderzusetzen, eben auch denen, die anderen Angst und Schaden zufügen können. Die entsprechenden Verhaltens- und Denkmuster können auf der körperlichen Ebene bewußt durchgespielt werden. Aha-Erlebnisse, Einsichten in eigenes Verhalten entstehen zuerst eher nebenbei und undramatisch und können - auf so spielerische Weise entdeckt - oft leichter angenommen werden.
Tai Chi Chuan kann so zu einer körper- und alltagsorientierten Lebensberatung werden. In der körperlich direkten Tai Chi-Interaktion merken die Jugendlichen, daß sie selbst es sind, die in jedem Moment die Entscheidungen fällen - für Aufregen oder Abregen, für Härte oder Sanftheit, Feindschaft oder Frieden, Achtung oder Verachtung. An diesen Einsichten setzt das Alltagstraining an - mit einfachen Übungen zur Selbstbeobachtung und Veränderung solcher Verhaltensmuster auch außerhalb der geführten Gruppe. (siehe auch die beiden Fallschilderungen in Connection - special 38 / www.connection-medien.de)

 Einweihung ins Leben

In Tai Chi - Bewußtheit durch Bewegung ist das Lernen praktisch und erlebensintensiv. Gerade Jugendliche, die durch Appelle, Sanktionen und Gespräche oftmals viel weniger zu erreichen sind als Erwachsene, können so für einen eigenverantwortlichen Bildungs- und Ausbildungsweg interessiert werden.
Die Tai Chi-Schulung greift mit dem Interesse an Kampfkunst gleichzeitig Aggressivität und (selbst-) zerstörerische Impulse auf und bietet diesen Energien kreative, persönlich und sozial bereichernde Ausdrucksformen an.
Statt Gewalttätigkeit und Drogenkonsum mit "Anti"-Programmen zu bekämpfen, gibt sie der dahinter stehenden Suche nach Ausgefülltheit und Identität, nach Spannungsabbau und innerer Dynamik, nach Gewißheit, Unmittelbarkeit und Ein-Sicht wirkliche Antworten.
Diese die Welt der Gegensätzlichkeiten bejahende Vorgehensweise beschleunigt die grundsätzliche Auseinandersetzung mit lebensverneinenden und sozial schädlichen Verhalten, sprich: Straftaten, außerordentlich.
In meiner Arbeit mit Jugendlichen bin ich immer wieder erstaunt über die Tiefenwirkung des Tai Chi Chuan. Jugendliche suchen diese Tiefe. Sie suchen Orientierung und Einweihung ins Leben, die ihnen in anderen Kulturen durch Visionssuche, Rituale und andere kulturell integrierte Methoden geboten wird. In unserer Gesellschaft suchen sie diese in Musik, Tanz, Drogen, S-Bahnsurfen, Kampfkünsten und anderen Abenteuern.
Tai Chi Chuan ist aus der tiefen Natur- und Menschenkenntnis der chinesischen Heil- und Bewegungskünste entstanden. Und als eine ständig in der gegebenen Situation bewegliche, natürlich mitgehende und hinstehende Kunst, wird es von den Jugendlichen als eine Lebens-Autorität anerkannt. Sie können selbst handfest überprüfen, daß seine Prinzipien im Einklang mit der inneren und äußeren Natur funktionieren und daß es Ihnen ganz direkt ihre bejahende oder verneinende Einstellung zu sich selbst, zu ihren Mitmenschen und zum Leben überhaupt spiegeln kann. Sie merken, daß Wahrheit und eine gemeinsame Ethik aus dem Geschehen selbst entstehen - aus ihrem eigenen Geschehen.

Thomas Luther-Mosebach  

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