Tai Chi-Schule Luther-Mosebach  

Werde persönlich, denn Vielfalt siegt

Von 68 bis 2008 – vierzig Jahre durch eine fruchtbare Wüste
Von Thomas Luther-Mosebach

Die Gesellschaft in der Globalisierung wird immer vielfältiger und die persönlichen Lebensentwürfe werden immer individueller. Die einzelne Person gewinnt an Bewegungsfreiheit und Eigenständigkeit gegenüber althergebrachten Gruppennormen, Autoritäten und Experten. Sie ist damit zugleich auch herausgefordert zu mehr eigenem Unternehmertum und individueller Lebenskunst. Dies gilt sowohl in Hinsicht auf private Belange wie Gesundheit, Freizeitgestaltung, Spiritualität als auch in Hinsicht auf die Arbeitswelt und die Mitgestaltung der Gesellschaft.

Dieser Artikel wirft einige persönliche Schlaglichter auf diese rasanten Wandlungen der Gesellschaft, die in den 1960er Jahren entscheidende Impulse erhielten. Mögen die subjektiven Blickwinkel auf die vergangenen 40 Jahre Deine eigenen Erinnerungsspuren und damit Deinen aktuellen Anteil an der Vielfalt bestärken.

Under the boardwalk
Down by the sea
On a blanket with my baby
That’s where I want to be
                     Ben. E. King

»Unter dem Pflaster liegt der Strand« – Dieser Slogan der Jugendbewegungen Ende der 60er Jahre ist für mich als etwas Jüngerem erst in der Ankunft meiner eigenen Jugendträume bei der genussvollen Körperkunst des Taijiquan richtig schlüssig geworden. »Down by the sea« – unten am Meer. Ziemlich nah am Leben und am Gefühl. »On a blanket with my baby« – Mit meiner Liebsten auf einer Decke. Da wo der Genuss, die Liebe und die Natur sind, ist nicht zwangsläufig der unpolitische Ort – vielleicht gerade im Gegenteil. Da wo Politik ist, kann es auch sinnlich und gefühlvoll zugehen. Hier war die Vision, darin bestand das Aufbruchsgefühl.

Aber das war nur einer von vielen Schritten in einem größeren gesellschaftlichen Entwicklungsbogen. Weder die Gesellschaft noch die Jugendbewegten selbst waren damals reif diesen Impuls umzusetzen. Das haben diese im Überschwang des Aufbruchgefühls aber ganz anders gesehen. Wir schwammen auf unserer Welle. »I’m sitting on top of the world«, sang Jack Bruce von den Cream für mich. »Wir wollen alles« lautete Anfang der 70er Jahre der Titel einer programmatischen Zeitung der spontaneistischen Linken, den auch ich doppelt unterstrich, ohne jedoch die programmatischen Inhalte der Zeitung wirklich zu kennen. So genau nimmt man es eben nicht bei solch einem euphorischen Aufbruch ins »gelobte Land«, das vor unserem inneren Auge schon ganz nahe war. Man stelle sich die Gefühle der »Kinder Israels« vor, als sich, nach ihrem Exodus aus Ägypten, vor ihnen das Meer teilte und die sie verfolgenden Ägypter darin ertranken.
(2. Buch Mose, Kapitel 14 ff)

Bei solch einem starken Aufbruch passt alles. Die Mühen des alltäglichen Lebens, die sich dann beim Marsch durch die Wüste bald wieder einstellen, zählen bei solch einem Rausch erst mal wenig. Überhaupt war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre die persönlich-alltägliche Sphäre noch so weit von der Politik entfernt wie der Mond von der Erde. Und doch war es ein wichtiger Aufbruch. Das Ganze war in den Blick genommen – gerade so, wie eben zu dieser Zeit die Erde vom Mond aus als ganze, als makellose Perle im All sichtbar wurde. Dieser Blick aufs Ganze der Erde und das »Wir wollen alles« waren eng miteinander verschwistert.

Die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen wir Menschen zum ersten Mal unseren Planeten von außen in seiner Gesamtheit sahen, waren nicht zufällig die Geburtsstunde eines stetig wachsenden ökologischen Bewusstseins, mit einem neuen Blick für das Ganze der Erde und ihre natürliche Vielfalt.

Diese wachsende Bewusstheit für Vielfalt und Ganzheit treffen wir in allen Lebensbereichen an: beim Thema Gesundheit und Heilkunst, im Bildungswesen, im (inter-) kulturellen Zusammenleben – und sowieso natürlich in den, im engeren Sinne des Wortes »Künsten«, die in der Regel ohnehin ein sehr persönliches und ganzheitliches Beteiligtsein voraussetzen.

»Das Private ist politisch«

Dass das Private das Politische sei, hat 1968 zuerst der Weiberrat behauptet – Frauen, die sich gegen die patriarchalischen Strukturen in der Politik und besonders in ihrer sich »sozialistisch« nennenden Studentenbewegung wandten. Die Frauenbewegung und die Kinderladenbewegung, also vor allem diejenigen, die »down to earth« Kinder zu erziehen hatten, waren die Vorreiter auf dem Weg, das Private und das Politische zueinanderzubringen. Und dieser Weg ist lang. Noch Ende der 70er Jahre, als ich begann Taiji-Bewegungskunst zu üben, machten sich einige meiner politischen Freunde echte Sorgen um mein Seelenheil – bei so einer »individualistischen Wendung ins Unpolitische«.

Heute hat sich das Verhältnis von persönlichen Wegen und politischem Engagement stark verändert. Aus den theoretischen und (anti-)autoritären Kämpfen um politische Programme sind praktische Projekte geworden, in denen sich soziale, ökologische, friedensbewegte, spirituelle, künstlerische und therapeutische Blickwinkel zunehmend durchdringen.


HipHop ist ein lebendiges Beispiel für eine Jugendkultur,
die von der Basis ausgehend kulturelle Kreativität entwickelt.
Foto: Pixelio, Michael Lengersdorff
So arbeite ich selbst mit Taiji, um nur bei diesem Beispiel zu bleiben, seit 17 Jahren im Bereich der Justiz im Rahmen der beruflichen Fortbildung und der Resozialisierung jugendlicher Straftäter. Aus der Beschäftigung mit Taiji und Qigong erwachsen selbst neue soziale, ökologische, therapeutische, und (inter-)kulturelle Projekte. Insofern habe ich den KongressUntertitel »Lebenskunst als politischer Faktor« meinerseits nicht nur als provozierende Denkanregung oder Vision verstanden, sondern auch schon als Beschreibung gesellschaftlicher Realität – und zugleich gesellschaftlicher Notwendigkeit.

Vielfalt siegt, hat aber noch nicht gewonnen. Demokratie siegt, hat aber noch nicht gewonnen. Demokratie als Organisationsform von Vielfalt entwickelt sich mit ihr weiter und muss sich weiterentwickeln, um zu bestehen. Im Folgenden geht es deshalb auch um die aktuelle Chance und Herausforderung, von der Delegierungsdemokratie zu einer, sagen wir mal, »Teilnahmedemokratie« fortzuschreiten, zu dem, was manche als Bürgergesellschaft und andere als Kulturgesellschaft bezeichnen. Diese Chance verdanken wir nicht zuletzt den Errungenschaften der vergangenen 40 Jahre, all dem, was sich da naiv und mutig, dauerhaft oder kurzlebig, aus ganz »gesellschaftspersönlichen« Impulsen heraus an konkreter Vielfalt entwickelt hat.

Als politisches Geschehen habe ich als Jugendlicher die 60er Jahre weniger wahrgenommen. Das wuchs erst langsam. Aber als kultureller und vor allem als jugendkultureller Aufbruch war das stark. Ganz gleich ob Student oder noch Schüler, insgesamt fühlte man sich als Teil einer großen Jugendbewegung. Vom Generationenkonflikt war allenthalben die Rede. »My Generation« von den Who war 1965 ein Hit.

Wir sind wir! Wir erkennen uns an unserer Kleidung, an unseren Haaren und an unserer Musik. Da ist Kraft drin. Lebensfreude. Was schreckt uns da die Wüste? Ihr könnt uns mal mit Eurem alten System, in dem wir uns satt gegessen haben und doch nur Gefangene waren.

Die Rastafaari – Bob Marley, Peter Tosh und andere – mit ihrem Reggae über »Exodus« und vom Kampf gegen die Unterdrücker in »Babylon« wurden nicht zufällig zu Ikonen mehrerer Jugendgenerationen in den vergangenen 40 Jahren. Bevor so viel von den Unterdrückern und Gefangenen die Rede war, gab es aber die grandiose Unbeschwertheit der 60er Jahre, die von den Halbstarken und anderen Strömungen der 50er Jahren genährt worden war und wohl am stärksten von den Beatles verkörpert wurde.

Als ich dann 1973 an die Uni kam, im ersten Semester in Gießen, dann in Marburg, hatte sich das ebenso produktive wie naive Chaos der 60er Jahre schon weitgehend entmischt. Die Studentenbewegung hatte sich in viele linke Fraktionen und kommunistische Kaderparteien aufgesplittert, die alle die allein richtige Perspektive des revolutionären Kampfes an der Seite der Arbeiterklasse innehatten. Die kreative Vielfalt vor allem des Jahres 1967 wurde ab 1968 zunehmend von revolutionären Ansprüchen und damit letztlich wieder von politischen Grabenkämpfen dominiert. Ich war natürlich immer bei den Guten. Das waren die Spontis. Dass ich zu faul war, das »Kapital« von Karl Marx zu lesen, fiel da nicht so ins Gewicht. Ach, gab es harte, das Spontiherz stärkende Diskussionen mit den kommunistischen Klassenkämpfern und mit Freunden, die bei den sehr intellektuellen marxistischen Gruppen angeheuert hatten! Und alle fühlten sich einfach bestens in ihrem eigenen Lager.

Politische Heimat

Eine Arbeitsgruppe, die sich in der Marburger Evangelischen Studentengemeinde traf, war über lange Zeit meine »politische Familie«. Unsere Leitfigur war der linke Hannoveraner Psychologieprofessor Peter Brückner, den wir zu Vorträgen und Seminaren einluden. Er war einer aus der älteren Generation, von dem wir uns was sagen ließen. Behutsam brachte er uns bei, dass jeder Mensch und, selbst unter den gegebenen Produktionsverhältnissen, auch der Arbeiter, eine »positive Identifikation« mit der eigenen Arbeit braucht.

Wir beschäftigten uns dann mit humaner Arbeitswelt und gelangten gegen Ende der einige Jahre bestehenden AG sogar zur »Kritik des Alltagslebens« von Henri Lefebvre, in der auch die Kunst eines Kellners gebührend gewürdigt wurde. Das war schon viel näher dran an uns selbst.

Die Diskussionen und Seminare waren sehr interessant und es war für mich vor allem menschlich gesehen ein gutes Zuhause. Alle haben sehr zusammengehalten. Als ich in mittelschweren Depressionen hing, hat Ellen mir das Lied von Wolf Biermann vorgespielt: »Das ist mal so mit mir, und ist mal so mit mir, bin ich halt froh mit mir.« Dass das dem großen Biermann auch so gehen kann und dieser liebevolle Umgang mit sich selbst, das hat mir da sehr geholfen.

Einmal haben wir Rudi Dutschke zu einem Seminar eingeladen, der nach dem Attentat auf ihn wie durch ein Wunder und dank ungeheurer Selbstdisziplin wieder genesen war. Rudi Dutschke war eine sehr charismatische Persönlichkeit und ein sehr herzlicher Mensch. Ich erinnere mich, dass wir uns auf diesem Seminar viele Sorgen über die so unpolitische nachwachsende Studentengeneration gemacht haben. Schon früher war früher alles besser. Insofern hat sich eigentlich nicht viel geändert.

Bewegte Heimat

Andere Freunde, keine politisch Aktiven, gründeten einen Wilhelm-Reich-Arbeitskreis, an dem ich auch teilnahm. Das waren die ersten Berührungspunkte von Körper und Politik. Da gab es also schon einen Urahn.

Es dauerte nicht lange, dann machten wir Körperübungen und massierten sogar unsere Füße. Ein Highlight, das ich nie vergessen werde, war eine Übung, in der ich zum ersten Mal bewusst erlebte, wie sich das Körpergewicht ganz langsam von einem auf den anderen Fuß verlagerte. Zu dem Urahn gesellten sich dann erstaunlicherweise auch Väter und Mütter, allen voran Fritz Perls und Alexander Lowen. Perls’ Gestalttherapie und Lowens körperorientierte Psychotherapie Bioenergetik wurden, aus den USA kommend, in Europa populär. Wir haben uns selbst nach Therapeuten umgeschaut und lange Zeit selbstorganisierte Workshops veranstaltet. Auch Psychodrama haben wir ausprobiert, das ebenso wie die halbe Therapieszene mit dem nun folgenden Theater verlinkt war. Marburg wurde zu einem Zentrum einer europaweiten Theater-Bewegung. Wir fuhren zum Amsterdamer Foolsfestival. »Chhellow, welcome, my name is Chhare Christmas«, radebrechte Jango Edwards. Carlos Traffic machte uns mit unserem »Personal Clown« bekannt, der heute bei den Demo-Clowns wieder auftaucht. Das sind teilweise sehr junge Leute, die neue Beweglichkeit in politische Demonstrationen bringen.

Über Theaterfreunde gelangte ich zu meiner ersten Taiji-Lehrerin Katya Delakova. Sie war Tänzerin und Schülerin von Zheng Manqing und Moshe Feldenkrais. Ich lernte Bewegungsimprovisation.

In verschiedenen Wellen, hier in Therapie, Theater und Bewegungskunst, wurde es immer körperlicher und geerdeter. Dazu passte es auch, dass in den 70er Jahren immer mehr Leute aufs Land zogen und Landkommunen gründeten. Die Therapie-, Theaterund Landszenen hatten große gemeinsame Schnittmengen. Auf der politischen Seite der Medaille machte man sich etwas mehr und zu der Zeit auch dunklere Gedanken.

Durststrecken

Irgendwann, so Mitte der 70er Jahre, kam eine Zeit, da war alles irgendwie angeblich gescheitert: die Landkommunen, die politische Bewegung, 68 ja sowieso. Ständig hörte man von irgendwelchen persönlichen Abbrüchen. Das alles geschah parallel zu der Radikalisierung einiger weniger hin zum Terrorismus. Es kam der »Deutsche Herbst« mit Rasterfahndung und Sicherheitswahn. So gab es seit 68 viel neue Energie, aber auch viel Entmischung, Gegeneinander, Frust und Krisen.

Das Volk murrt. Es erinnert sich an die vollen Fleischtöpfe in Ägypten.
(vgl. 2. Buch Mose, Kapitel 16)

So grandios der gemeinsame Aufbruch auch gewesen ist, wenn man so unter sich ist und im täglichen Kampf mit der Wüste und das nah geglaubte Ziel immer wieder in die Ferne rückt – ja da treten dann die Unterschiede in den Vordergrund, Zweifel werden stärker und die Mühen des Alltags lösen die Weltrevolution ab. Man rückt auseinander und ist doch gemeinsam auf dem Weg. Jeder meistert das wüste Leben auf seine Weise, entwickelt seine Techniken und Wege. Und siehe da: Lebenskunst entsteht. Eine wachsende Vielfalt an Lebensentwürfen und Szenen entwickelt sich, wie es in Ägypten an den vollen Fleischtöpfen nie möglich gewesen wäre.

Wieder neue Aufbrüche

Ende der 70er, Anfang der 80er kamen die »Baghwan-Leute«, die nach Indien zu Baghwan Shree Rajneesh gepilgert waren, die Sanyassin. Das war ja nun wirklich zuviel. Alle in roter Kleidung, mit so einem indischen Namen, den sie von Baghwan erhalten hatten, und dem Bild des Gurus an einer Kette um den Hals. Aber diese Indienreisenden ließen sich nicht so leicht ablehnen. Das waren ja Leute wie du und ich. Die ganze Szene bekam einen Rotstich, aber anders als früher gedacht. »Die Erde wird rot. Lebend rot oder tot rot«, hatte Wolf Biermann gesungen. War das jetzt etwa das lebend Rot? Jedenfalls, die ganze Dramatik von »lebend« oder »tot« war weg. Das hier war ziemlich lässig, entspannt dynamisch und vor allem sinnlich und erotisch. Und dabei haben die einfach so was wie Spiritualität auf den Tisch geknallt.

Für mich brachte den großen Aufbruch das Taiji mit seiner weit über die geliebte sportliche Körpererfahrung hinausgehenden energetischen Dimension. In den ruhigen und fließenden Solobewegungen des Taiji schwang ich mich in den Rhythmus der Natur ein, wurde ein Teil von ihr. Ein beglückendes Erlebnis, das nicht einfach zu wiederholen, nicht zu »machen« war. Ich sah, dass es sich hier um eine Kunst handelte. Als Lebenskunst erlebte ich es allemal.

Und dies noch viel mehr, als ich mit der Taiji-Kampfkunst auch die soziale Seite dieser Kunst des Nichtkämpfens erfuhr. Erst viel später lernte ich die Bewegungsund Interaktionsprinzipien des Taiji auch als systemische Prinzipien kennen, die in anderer Form in der Organisationsschulung oder in der Psychotherapie Anwendung finden.

Anfang der 80er Jahre wieder in Gießen, in der Hausbesetzerszene, ging der Punk ab. Punk als Gegenbewegung zur sanften Welt der Hippies, aber auch bunt – schwarzbunt. Ich selbst war absolut kein Punker, auch wenn ich nach der idyllischen Marburger Welt nun wieder das rauere Gießen genießen konnte.

Die hier beginnenden Erfahrungen als Taijiund Atemlehrer und später als Fortbildungsleiter in unterschiedlichen beruflichen Feldern machten die These von der »neuen Bedeutung des Individuums in der Gesellschaft« für mich sinnfällig.

Ich erlebte, wie immer mehr Menschen aller Altersgruppen vielseitige, ganzheitlich erweiternde Erfahrungen suchten. In Abkehr von alter Expertenhörigkeit – sei es beim Thema Gesundheit, Bildung, Spiritualität oder anderswo – suchten sie eigene Erfahrungen, die zugleich körperlich-direkt wie auch geistig anregend und bildend waren.

Die neueren Entwicklungen in den Jugendkulturen oder im »Gesundheitssektor« hin zu Vielfalt, Ganzheitlichkeit und Körperlichkeit sind nur zwei Beispiele dafür. Wenn es um Gesundheit geht, genügt es »den Menschen nicht mehr, ›bloß‹ gesund – im Sinne von nicht krank – zu sein; sie wollen sich explizit in ihrem Körper wohl fühlen. Es geht ihnen um mehr als um die Vermeidung von Problemen; es geht ihnen um den Sinn des Lebens.« (Gerhard Schulze: Unterwegs zu einem neuen Gesundheitsmarkt in: Weleda Nachrichten Nr. 233, 2004, 20-23)

Alte Grenzen und Hierarchien fallen, im gesellschaftlichen Außen wie im persönlichen Innenleben. Mit der Vielfalt zieht auch mehr Gleichheit ein – eine Wertschätzung für große wie kleine und auch ganz kleine Ganzheiten – kulturelle, individuelle, innerpersönliche und so weiter.

Wie viele der »68er«-Anstöße hat der starke Gleichheitsimpuls, der sich in dem früheren »Wir wollen alles« noch naiv revolutionär gebärdete, seinen Weg gefunden – dies nicht zuletzt auch dank der boomenden Computerund Satellitentechnik, die eine »Demokratisierung des Wissens« mit sich brachte.

Was 1967 impulsiv ungeordnet, sozusagen als »Summer of Love«, weltweit durch lähmende Nachkriegsund Vorkriegskrusten brach, hat Widerstände und Vereinnahmungen erfahren und ist dennoch von der Gesellschaft ganz alltagssubversiv aufgenommen und umgesetzt worden.

Politische Wegmarken

Zurück in die 80er. Das Unglück von Tschernobyl sowie Gorleben, das überall ist, und die Kämpfe um die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, all das brachte einen neuen Schub für das ökologische Denken und eine neue Politisierung mit sich. Die Grünen traten auf den Plan. »Realos«, die ganzheitliches Wissen mit den politischen Auseinandersetzungen vereinten, die Demokratie ausmachen. Ich habe größten Respekt davor.

Und dann der Fall der Mauer 1989. Er eröffnete wiederum einen neuen Blick aufs Ganze. Die Konfrontation zwischen Ost und West, die so vieles gedeckelt hatte, fiel in sich zusammen. Die Zeit der globalen Initiativen brach an.

Dass diese Revolution mit Namen »Wende« von einer weitgehend kulturell bestimmten und deshalb politisch mutigen Szene im Osten unseres Landes entscheidend mitbewirkt wurde, das ging erst einmal unter, kann aber in diesem Zusammenhang gar nicht genug betont werden.

Zwei bis drei Jahre nach dem Mauerfall boomten Veranstaltungen mit globaler Perspektive. Wie zum Beispiel das Festival »Die Kraft der Visionen« in Potsdam im Mai 1991, der Kongress »Auf dem Weg zu geistiger Gemeinsamkeit« in Alma Ata im Oktober 1992, die 12. Internationale transpersonale Konferenz »Wissenschaft, Spiritualität und die globale Krise – für eine Welt, die Zukunft besitzt« im Juni 1992 in Prag.

Und in Rio de Janeiro fand im Herbst 1992 der erste globale UN-Umweltkongress statt, der in der sogenannten »Agenda 21« soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen zum ersten Mal auch auf Regierungsebene in ihrem ganzheitlichen Zusammenhang behandelte und der in der Folge, dank der Initiative lokaler, also »basisnaher« Politiker, zu einer weltweiten Bewegung lokaler Agenda-21-Initiativen führte.

Und doch stagnierte die Agenda-21-Bewegung, die sich trotz aller lokaler Basissuche immer noch im Denkschema der herkömmlichen Delegierungsdemokratie bewegte. Es fehlte noch etwas, ohne dass es heute nicht mehr geht: der persönliche Faktor, die eigentliche Beziehungsebene.

Der persönliche Faktor

Weil in ihnen dieser Schritt ins persönlich Nahe nicht konsequent gewagt wird, sehe ich immer wieder wertvolle Bewegungen wie Lokale Agenda 21 oder Attac stagnieren, sobald sie nach der anfänglichen Begeisterung die Mühen der Ebene, sprich: des Alltags, erreichen.

Um diesen Alltag und seine Künste und Energien ging es uns mit einer aus der Taiji-Praxis inspirierten Gießener Initiative. Unter anderem im Rahmen der »Lokalen Agenda 21« veranstalteten wir ab Mitte der 90er Jahre Seminare zu Themenkreisen wie »Qigong und Chaostheorie« oder »Globalisierung, Ökologie und Bewegungskunst«. In diesen Seminaren und vor allem in öffentlichen Veranstaltungen suchten wir aus unserer Taijiund Qigong-Praxis wie auch aus anderen privaten und beruflichen Künsten heraus persönliche und alltagsnahe Zugänge zu den größeren gesellschaftlichen Herausforderungen wie »Globalisierung«, »Klimawandel« oder »Demokratieentwicklung«.

In dieser Beschäftigung mit persönlichen Antworten auf die Herausforderungen in der Globalisierung und dem Bekanntwerden mit unzähligen aus Kunst und Lebenskunst wirkenden bürgerschaftlichen Initiativen hat die These von »Lebenskunst als politischer Faktor« ihre praktischen Wurzeln. – In der Erkenntnis, dass Globalisierung und Individualisierung zwei Seiten eines Prozesses sind und dass der griffige Slogan »Global denken und lokal handeln« doch nicht ganz greift.

Denn das genauere Gegenüber des globalen Ganzen ist das persönliche Ganze. Erde und Mensch in ihrer je eigenen Schönheit, Tiefe und Vielfalt sind sich Spiegel und Partner.

Global, lokal und persönlich zugleich zu denken und zu handeln, kurz, eine wirklich ganzheitliche Herangehensweise, ist heute mehr denn je möglich und nötig. Das bedeutet auch, sich persönlich ganz einzubringen, mit Kopf, Herz und Hand selbst ermächtigt, die eigene Macht annehmend.

Yes, we can

In der Tat verbinden immer mehr Menschen ihr persönliches kreatives Potential produktiv mit gesellschaftlichen Herausforderungen. Selbstbewusstere Individuen trauen sich leichter in neue Kontakte und Beziehungen. Sie finden Fremdes eher interessant als bedrohlich. Sie trauen ihrer Fähigkeit, sich spielerisch und kooperativ in neuen Vernetzungen und allen Arten von Wandel zu bewegen.

Zum Beispiel haben seinerzeit sehr viele Menschen mit Festen, Konzerten, Darbietungen und Aktionen aller Art, ihre eigenen Interessen, Fähigkeiten und Hobbys genutzt, um die Opfer der Tsunami-Katastrophe in Südostasien zu unterstützen.

Als die Regierung Schröder sich koordinierend und bündelnd in den Dienst dieser Welle von Hilfsbereitschaft stellte, sah ich für einen Moment die Bürgergesellschaft am Horizont aufgehen: eine Gesellschaft, in der die gesellschaftliche Wohlfahrt ganz selbstverständlich ein integrierter Teil der Lebenskunst aller Einzelnen ist und in der der Staat eine sehr zurückgenommene, dienende Rolle einnimmt. Dafür aber braucht es zuerst noch einen großen Schuss mehr an bürgerschaftlichem Selbstvertrauen und Selbstorganisation, sprich Verbindlichkeit. Das Selbstvertrauen ist vor allem das Sich-Trauen der Einzelnen, mit den persönlichen Talenten und (Lebens-)Künsten herauszukommen und sich zu zeigen.

Ein Vertreter der Hip-Hop-Kultur, die ich durch Projekte mit Jugendlichen im Gefängnis kennen und schätzen lernte, der Tänzer Farid Berki, formuliert das so: »Die Leute sehen ja, dass wir aus dem Nichts eine Kultur mit kreativen künstlerischen Disziplinen entwickeln, die vielen was bringt. Dazu waren die Institutionen nicht im Stande. – ... dass das Volk sich selbst geholfen hat und sich von alleine etwas Sinnvolles geschaffen hat. Das heißt für mich alles zu revolutionieren – einfach die Unverschämtheit zu haben, auf einer Theaterbühne zu tanzen – und zwar ohne Kappe.« (»Faire kiffer les anges« Filmdokumentation von Jean-Pierre Thorn, 1996)

»Yes, we can.« »Barak Obamas Leitwort ... rührt an die Grundlagen des Politischen« (Christoph Henke: Reines Können, Frankfurter Rundschau, 19.11.2008) Es verbindet in neuer Weise das Individuelle mit dem Politischen und das Hier und Jetzt mit gesellschaftspolitischer Vision. Was dabei wirklich an Verbindlichkeit herauskommt, das ist nicht so sehr Sache von Obama, auf den jetzt, nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, alle schauen, als vielmehr Sache der Bürger, also von uns.

Kulturgesellschaft

Es braucht das Sich-Einsetzen der Einzelnen, ihrer persönlichen Lebenskulturen, ihrer Künste und Lebenskünste. Deshalb ist Adrienne Goehlers Rede von der »Kulturgesellschaft« um vieles genauer als die von »Bürgergesellschaft«. Selbstredend sind dabei, mehr denn je, auch diejenigen »politisch« gefordert, die sich auf der Ebene der persönlichen Entwicklung und Lebenskunst, der Selbsterfahrung und der Therapie engagieren. Alle diejenigen also, die auf den Gebieten Experten sind, die zuvor als unpolitische Privatangelegenheiten galten. Wie ja die »Künste« im engeren Sinne ebenfalls.

Wer heute Kunstausstellungen besucht oder die letzte oder vorletzte documenta, die Weltkunstausstellung in Kassel, gesehen hat, der weiß, dass die »Künstler« diese Herausforderung ganz angenommen haben. Immer mehr mit unterschiedlichsten Künsten und Lebenskünsten befasste Menschen drängen zudem auf den Bildungssektor und in die betriebliche Fortbildung.

Viele Vorträge und Workshops dieser und früherer Qigong-Tage zeugen davon. Unsere Künste stellen sich dienend und mitgestaltend in die inzwischen immense gesellschaftliche Vielfalt aller Künste und Lebenskünste hinein, deren Fülle bei einem Blick allein auf die Jugendkulturen deutlich wird. In den 60er Jahren sprachen wir von einer Jugendbewegung, jetzt gibt es rund 400 voneinander unterscheidbare Jugendkulturen allein in Deutschland. (vgl. Jörg Lau, Die Macht der Jugend, Die Zeit 11. 8. 2005) Aus heutiger Perspektive sind alle größeren und kleineren Bewegungen der vergangenen 40 Jahre wertvolle Erfahrungen, die ihren Platz in der Vielfalt gefunden haben. So wie es ja die Hippies, den Punk, Reggae, die Landkommunen oder freien Theater auch noch gibt. Einstmals waren sie – zumindest subjektiv – bedeutende Aufbrüche, jetzt sind sie Teile in der Vielfalt.

Das gelobte Land

Der Weg ins gelobte Land, der ja in seiner tieferen kabbalistischen Bedeutung ein persönlicher Einweihungsweg ist, war gepflastert mit einer immer größeren Vielfalt bunter Trittsteine, die fast wie Manna vom Himmel fielen und immer noch fallen. Jedenfalls kam und kommt man da kaum mit – mit den immer neuen Trends und Szenen, die auftauchten. Immer neue Antworten auf eine sich immer schneller wandelnde Gesellschaft. Aber das Manna war ja auch nötig. Ob man es verdient hat? Das steht auf einem anderen Blatt.

Wer dankt, isst sich satt. Das Volk Israel hat auch immer wieder gemurrt. Aber immerhin ist es aufgebrochen, hat viel Glauben investiert. Und ist weitergegangen. Aber wer nicht stark geglaubt hat, konnte auch nicht in das gelobte Land einziehen. Das hat dann zu den insgesamt 40 Jahren Wüstenaufenthalt geführt. Der Weg selbst war ja nicht so weit. Erst die Kinder der Zweifelnden konnten dann hinein. (4. Buch Mose, Kapitel 13 und 14)

Ja, was ist denn nun aber in unserem heutigen Geschehen das gelobte Land?

Nun, die Kultur der Vielfalt, die aus dem persönlichen Sich-Wagen kommt. Aber inwieweit ist das schon eine Kultur? Wäre da nicht erst einmal eine neue Verbindlichkeit in der Vielfalt vonnöten? Wo könnte die herkommen? Welche Formen braucht sie? Wie beweglich und offen müssen diese sein, damit aus Vielfalt nicht wieder Einfalt wird?

Wäre das Erwachen eines politischen Selbstbewusstseins in der neuen gesellschaftlichen Schicht der kulturell Kreativen anzustreben, die seit einigen Jahren im Gespräch ist und von der Marco Bischoff in seinem Beitrag zu den Qigong-Tagen berichtete? Gehören da die Jugendkulturen auch dazu oder ist das nur eine Erwachsenenveranstaltung? Welche kreativen Brüche zwischen etablierten und neuen Kulturen gibt es heute und entstehen gerade jetzt? Kann die »Yes, we can«-Kampagne hier auch nach der amerikanischen Präsidentenwahl und über die USA hinaus kreativ verbindend und bürgerschaftlich nachhaltig wirken? Mit diesen Fragen beginnt ein neues Kapitel, in dem das Volk Israel, an der Grenze zum gelobten Land Kanaan, nicht vor den hohen Mauern von Jericho verzagt, sondern sie mit vereintem Lärm zum Einsturz bringt. Jetzt oder in 40 Jahren?


Thomas Luther-Mosebach,

geboren 1953, Diplompädagoge und Lehrer für Taijiquan im Jugendstrafvollzug in Rockenberg (Hessen), gibt seit Anfang der 90er Jahre Taiji-orientierte Seminare zu den Themenfeldern »Globalisierung und Bewegungskunst«, »Prinzipien der Ökologie«, »Gewaltvorbeugung und Friedensschulung«, »Schule und Sozialarbeit« und organisierte Veranstaltungsreihen zu den Themen »Lokale Agenda 21« und »Blue Earth Begegnungen«.

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